Es muss weg. Die Bekämpfung von Hygieneschädlingen als spezielles Problem der Tierethik – Thomas Höller

Die Geschichte der Bekämpfung von Hygieneschädlingen und ihrer Klassifizierung ist wie so viele Bereiche der Interaktion zwischen Mensch und Tier von Ambivalenzen und zum Teil willkürlich scheinenden Zuschreibungen geprägt. Der Philosoph Thomas Höller arbeitet die besondere Stellung der Schädlingsbekämpfung im Mensch-Tier-Verhältnis allgemein und in der Tierethik im Besonderen heraus. Die Schädlingsbekämpfung sticht insofern aus anderen Bereichen der Mensch-Tier-Interaktion hervor, als sich der Mensch in diesem Bereich in einer defensiven Position befindet (oder zu befinden scheint), aus der heraus die ethische Argumentation abgesichert scheint. In der Geschichte der Schädlingsbekämpfung hat sich der Schädlingsbegriff und die menschliche Sichtweise auf Schädlinge genauso wie die Methoden ihrer Bekämpfung kontinuierlich gewandelt. Die Anwendung einiger paradigmatischer Theorien der Tierethik (kantisch geprägte Tugendethik, Kontraktualismus, Mitleidsethik, pathozentrischer Präferenzutilitarismus) auf das Feld der Schädlingsbekämpfung versucht die Frage zu beantworten, ob unser alltäglicher Umgang mit Haus- und Hygieneschädlingen tatsächlich so eindeutig ethisch einwandfrei und alternativlos ist, wie es zunächst erscheinen mag, oder ob er einer ethischen Revision bedarf. Während vernunftbasierte Ethikkonzeptionen wie auch klassische Vertragstheorien generelle Probleme mit der Integration nicht-menschlicher Tiere haben (von Ausnahmen abgesehen), hat die klassische Mitleidsethik vielfach das gegenteilige Problem einer Unmöglichkeit der Ausgrenzung. Die von Peter Singer ausgearbeitete utilitaristische Variante krankt an der Zufälligkeit und Veränderbarkeit ihrer Prinzipien, kann aber leichter vom Menschen abstrahieren.

Die Tierethik tut sich schwer auf dem unbeliebten, aber für die praktische Ethik notwendiger Weise zu beachtenden Feld der Schädlingsbekämpfung. Ist die Notwendigkeit der Bekämpfung von Hygieneschädlingen aber anerkannt, lässt sich doch einiges über ethisch zulässige Methoden sagen. Auch die Anerkennung bestimmter als Schädling markierter Arten als Teil einer Mensch-Tier-Gesellschaft und die Frage, inwieweit Schädlinge als vielfach vom Menschen geschaffenes oder begünstigtes Phänomen in einen Status des Miteinander-Lebens eingeführt werden können, stehen neuerdings im Raum (Davidson/Kymlicka).

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

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